Skip to main content

Leben und noch mehr

Wie eine kleine Sache die ganze Welt aus den Fugen bringen kann. So klein, dass man es nicht sehen kann und doch ist es spürbar vom Amazonas bis Sibirien. In Deutschland ordnet sich jedes politische Tagesthema der Ausbreitung eines Virus unter. Menschen verzichten auf Reisen, arbeiten von Daheim, reduzieren ihre Treffen mit Freunde und Familie. Schlagartig ist sie vorbei, unsere Unbeschwertheit. Ein Alltag mit unseren liebgewonnenen Gewohnheiten, Hobbies und Freizeitbeschäftigungen ist nicht mehr möglich. Kinos und Fitnessstudios sind geschlossen, Familienfeiern werden abgesagt, Gottesdienste finden nur im Kleinen und mit vielen Regeln statt, beim Plausch mit dem Nachbarn hält man lieber mit einem Schritt mehr Abstand – die Liste der Veränderungen ist schier endlos.

Über allem steht das große Thema dieser Zeit: möglichst gesund bleiben, niemanden anstecken und damit ‚Leben retten‘. Natürlich wusste jeder auch vor Corona schon, dass er einmal sterben wird. Doch fast alle gehen davon aus, dass dies noch lange nicht eintreten wird. Immerhin steigt die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich. Doch mit einem Mal wird für viele spürbar, dass Lebenszeit tatsächlich endlich ist. So spürbar, dass bereitwillig Lebensqualität geopfert wird, um sich selbst oder einem anderen mehr Lebenszeit zu ermöglichen.

Das Abwägen von Lebensqualität gegen Lebensdauer ist ein Ringen mit der Frage, wie viel Sicherheit und wie viel Freiheit ein Mensch zum Leben braucht. Aber die Bibel zeigt, dass es neben Lebenszeit und Lebensqualität noch einen dritten Aspekt unseres Daseins gibt. In Psalm 63 wird diese dritte Variable als „Gnade“ bezeichnet: „Gottes Gnade ist besser als Leben“, heißt es dort. Offenbar gibt es etwas, das tatsächlich wertvoller ist, als das Leben selbst – unabhängig davon,wie lang dieses Leben ist oder wie es verläuft.

Gnade heißt übersetzt „unverdiente Gunst“. Gnade ist deshalb nichts, was man sich erarbeiten kann. Sie ist vielmehr Gottes Freundschaftsangebot an jemanden, der es überhaupt nicht verdient hat. Dessen schlechte Gedanken, Worte und Taten ihn geradezu abstoßen und der sich doch uns durch Jesus wieder zuwendet. Ein „ich will wieder zu meinem Vater zurückgehen“, wie in der Geschichte vom verlorenen Sohn, ist quasi die einzige Voraussetzung dazu (siehe auch Lukasevangelium Kapitel 15, Verse 11-32).

Diese Gnade ist es, die Gott für wichtiger erachtet als die Lebensdauer eines Menschen. Denn „Gottes Gnade ist besser als Leben“ bedeutet auch, dass selbst wenn ein Mensch sein Leben verliert, er immer noch eines besitzen kann: nämlich die Gnade Gottes. Sie bleibt nach dem irdischen Ableben bestehen und sie ist es, die ein Weiterleben bei Gott möglich macht.